Stefan Wissel - Prenez bien soin de vous, molécules!

STEFAN WISSEL – PRENEZ BIEN SOIN DE VOUS, MOLÉCULES!
15 September – 24 November 2018
Opening: Saturday, 15 September, 6 – 9 pm
ITALIC, Leipziger Str. 61, 10117 Berlin

Press Release (German Version)

Stefan Wissels skulpturale und installative Arbeiten bewegen sich häufig innerhalb der Polarität von reduzierter Formsprache und einer durch Humor aber auch Melancholie aufgeladenen konzeptuellen Narrativität. Sie ist es, die die minimalistischen, teils auch objekthaften plastischen Elemente, die stets offen den Charakter ihrer industriellen Fertigung tragen, rekontextualisiert und zu neuer Bedeutung verhilft. Ästhetisch vermittelt sich so im Spannungsfeld zwischen dem konkreten, materiell Erfassbarem im Raum und der zumeist durch den Titel angedeuteten abstrakten künstlerischen Idee eine komprimierte bildhafte Erzählung.

Prenez bien soin de vous, molécules! (zu Deutsch: Passt gut auf Euch auf, Moleküle!) bezeichnet nicht nur die Ausstellung Wissels bei ITALIC, sondern auch seine neue, an den speziellen Raum angepasste Arbeit. Hierfür stapelt
Wissel zunächst aus 70 sägerauen Holzbohlen, wie sie in der Regel im Hoch- oder Tiefbau verwendet werden, einen 300 cm langen, 108 cm breiten und ca. 85 cm hohen Quader. Leicht abgehoben vom Boden ruht er auf Kanthölzern und dünne, querliegende Latten lassen seine einzelnen Schichten voneinander getrennt erscheinen. Auf diese Weise ergibt sich eine feine, grafische und parallel angelegte Struktur, die der voluminösen Massivität des Quaders entgegenwirkt. Zusätzlich wird die minimale und konstruktive Natur des regelmäßigen, geometrischen Körpers durch die Anwesenheit des Fragments eines Terrakotta-Pflanzgefäßes gebrochen. Ehemals die konkrete Gestalt einer Katze nachbildend, dessen hohler Körper nach oben hin zur Bepflanzung offen gelassen wurde, handelt es sich bei dem offensichtlich gefundenen Bruchstück nur um den vorderen Teil des Rumpfs mit Kopf und Vorderpfoten. Am rechten äußeren Rand der Oberseite des Quaders positioniert verwandelt sich das Object Trouvé auf seiner neuen Bühne zum ironischen Helden der Arbeit. Ein unter der Decke montierter so genannter Moving Head lässt sorgfältig choreografiert einen Lichtkegel durch den Raum wandern und betont dabei immer wieder die Präsenz der dabei nahezu menschlich erscheinenden, scheinbar stehenden Katzenfigur. Das theatral gesetzte Licht wirkt intensiver und manipulativer auf die Betrachter je nach Lichtverhältnissen und Tageszeit. Es betont die Zeitlichkeit innerhalb der Arbeit Wissels und generiert in Verbindung mit dem Aufeinandertreffen der beiden konträren skulpturalen Elemente eine Art spekulative Narration. Rückgebezogen auf den Titel der Ausstellung stellt sich somit die Frage wer oder was ist der Protagonist dieser seltsam anmutenden Show? Ist es wirklich das merkwürdig menschlich und zugleich doch leblos erscheinende fragmentarische Abbild einer Katze? Ist es vielleicht eher die konstruktiv-geometrische Bühne, die bewusst den Habitus der Minimal Art zitierend, die reduzierte Grundform als den eigentlichen Star der Ausstellung präsentiert? Oder geht es am Ende möglicherweise doch um eine andere, nicht sichtbare Ebene, bei der gängige kunstbezogene Begrifflichkeiten nicht mehr zu greifen scheinen? Wissels Appel an die Moleküle lässt sich so auch als ein emanzipatorischer Imperativ verstehen, die Kunst dort zu finden, wo man sie am wenigsten vermutet hätte.

Text: Philipp Fürnkäs

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